Workshop 32
Perspektiven der Ethnologie der Entwicklung und der ethnologischen Organisationsforschung
Die kritische sozialwissenschaftliche Begleitung der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) hat die Kompetenz der Entwicklungsexperten für die Steuerung der hochkomplexen Prozesse gesellschaftlicher Entwicklung häufig in Frage gestellt. Betke et al. (1978) haben sich in der Arbeit „Partner, Pläne, Projekte“ mit der eindimensionalen, an die Oberschichten des Einsatzlandes angebundenen Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität durch die Entwicklungsexperten beschäftigt. Elwert hat in der mit zusammen mit Elwert-Kretschmer (1991) vorgelegten Studie „Mit den Augen der Beniner – eine Evaluation von 25 Jahren DED in Benin“ die Perspektive der Zielgruppen auf Expertentum und Expertenarbeit herausgearbeitet und das Phänomen der Abschottung von Entwicklungsexperten gegenüber der sie umgebenden gesellschaftlichen Realität beschrieben. Lachenmann (1991) hat die selektive, technokratische Realitätskonstruktion der Expertendiskurse in der EZ thematisiert. Rottenburg hat diese Perspektive in seiner Parabel „Weit hergeholte Fakten“ (2002) vertieft. Die Thematisierung der diskursiven Macht des Entwicklungsdiskurses erfolgt besonders pointiert bei Escobar (1995), der die „Erfindung der Dritten Welt“ durch die Entwicklungszusammenarbeit attackiert. Neben ihren unbestreitbaren Meriten unterliegt den genannten Arbeiten die Vorstellung vom „Developmentarism“ als einer kohärenten und machtvollen Formation, als einer „Entwicklungsmaschinerie“ (Ferguson 1990), die ihre Realitätskonstruktion den tatsächlichen Verhältnissen überstülpen kann. Neuere Forschungen (Hüsken 2006) zeigen am Beispiel der deutschen staatlichen EZ, dass von dieser machtvollen Kohärenz der Entwicklungsmaschine nur sehr eingeschränkt die Rede sein kann. Die Sozialanthropologie der Entwicklung hat die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit auf Projektebene schon früher als „Vermittlung zwischen strategischen Gruppen“ (Bierschenk, Elwert, Kohnert, 1993) beschrieben und die Vielfalt divergierender Gruppeninteressen als die eigentliche Grundproblematik identifiziert (Bierschenk 1992). Die Weltsichten und Praktiken von Entwicklungsexperten und Agenturen sind heute Teil des globalen kulturellen Fluxus, in dem sich neuartige und überraschende Prozesse der Anverwandlung, Anpassung und Camouflage vollziehen. Dies gilt auch für die Produktion und Verbreitung „reisender Modelle“, die in viel stärkerem Maße heterogenen Prozessen unterliegen und von polyzentrischen Akteursgruppen bestimmt werden, als es das Paradigma der Hegemonie der Entwicklungsmaschinerien vermuten lässt.Das Panel möchte die folgenden Schwerpunkte setzen:
- Kultur und Praxis entsandter und lokaler Entwicklungsexperten
- Innenleben entwicklungspolitischer Organisationen
- Staatlichkeit und Bürokratie in Ländern des Südens
- Produktion und Verbreitung „reisender Modelle“ der EZ (Konfliktologie, Interkulturelles Management)
- Neue Akteursgruppen im Kontext von Entwicklungsvorhaben (NRO, lokale und internationale Privatunternehmen, parastaatliche Gruppen, Militär, Geheimdienste)
- Methodenproblemen in der Ethnologie der Entwicklung
Thomas Hüsken, Universität Bayreuth
Alexander Solyga, Universität Bayreuth
Kontakt:
Mail: thuesken@gmx.de
Phone: 0911 5982505
Termin / Raum
Freitag, 02.10.2009, 15.00 bis 16.45 Uhr und 17.15 bis 19.00 Uhr / Raum 251 (Hauptgebäude)
Vorträge inkl. Abstracts als pdf
Nicolaus Kosmatopoulos (Universität Zürich): Connecting Dots on the Map of the “Wild Rest”: Global Panoramas of Crisis, Local Sickness Narratives and the Creation of Expert Authority
Alexander Solyga (Universität Bayreuth): Moralökonomie und Entwicklung. Zur Rolle und Motiven von Privatunternehmen als neue Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit
Thomas Hüsken (Universität Bayreuth): Die neotribale Wettbewerbsordnung im ägyptisch-libyschen Grenzland und entwicklungspolitische Governanzkonzepte
Johanna Mugler (MPI Halle): Justizangestellte bei der Arbeit in Post-Apartheid Südafrika