Workshop 29

Konflikt und (Wieder-)Aneignung von Normalität

In diesem Panel wird der kulturspezifische Umgang mit außergewöhnlichen Konflikten zentral gesetzt. Als "außergewöhnlich" sollen hier Konflikte gelten, die aus einer Binnenperspektive von den jeweiligen Gesellschaftsmitgliedern als historisches Novum bzw. als lebensweltlicher Bruch wahrgenommen werden – z. B. aufgrund des Ausmaßes von Gewalt, der Involvierung "außergewöhnlicher" Akteure oder massiver Machtverschie-bungen – und für deren Lösung scheinbar keine (traditionell) bewährten, wohl aber innovative oder experimentelle Strategien zur Verfügung stehen. Gemeint sind Konflikte, die durch endogene oder exogene Faktoren ausgelöst worden sein können (Religion, Ethnizität, Generationsverschiebung, Herrschaftsmodelle, Kolonisierung etc.) und die in Form horizontaler (communal conflicts) und/oder vertikaler (hierarchical conflicts) Konflikte ausgetragen werden. Zur Lösung solcher Konflikte werden – freiwillig oder oktroyiert – bestehende und/oder importierte Deutungs- und Handlungspraxen zum Einsatz gelangen, die Effektivität in Bezug auf die (Wieder-)Herstellung von "gesellschaftlicher Normalität" (was immer diese im Einzelfall auch bedeuten mag) suggerieren und die in internationalen Diskursen vielfach auch als "Frieden" bezeichnet werden.

Zu solchen Praxen können unter anderem gehören:

  • (nationale oder internationale) Interventionen, Gerichtsverfahren und/oder Wahrheitsfindungskommissionen und deren Implementierung in und Anpassung an lokale Kontexte (z. B. Südafrika, Australien),
  • die selektive Kombination von internationalen, nationalen und lokalen Schlichtungsstrategien (z. B. Osttimor, Australien),
  • der Einsatz lokaler Konfliktlösungsmechanismen und deren Adaption an internationale Standards (z. B. Ruanda),
  • der deklariertermaßen ausschließliche Rekurs auf "traditionelle" Schlichtungsverfahren in bewusster Abgrenzung zu exogenen Strategien (z. B. Mosambik, Indonesien).

Der Fokus des Panels liegt dabei weniger auf den divergierenden Rechtsverständnissen oder einzelnen konflikttheoretischen Erklärungsansätzen, sondern auf einer Bestandsaufnahme zum Thema "Konflikt und neue Normalität", die zwei Ziele verfolgt: Zum einen soll sie Einblicke in die Vielfalt der innovativen Reaktionen auf außergewöhnliche Konflikte und deren kulturspezifischer Prägung gestatten, zum anderen soll sie die tatsächlich praktischen und grundlegenderen Konsequenzen thematisieren, die sich aus den
massiven Brüchen im Alltag und den folgenden Aneignungen, Anpassungen, Umdeutungen und Wiederbelebungen von Vorstellungen, Konzepten und Praxen ergeben.

Für das Panel sind Beiträge herzlich willkommen, die anhand von empirisch fundierten Fallbeispielen Einblicke in die Bandbreite der soziokulturellen Grundlagen, der konzeptuellen Voraussetzungen und der diversen Praxen im Umgang mit "neuen konfligären Herausforderungen" gewähren und auf dieser Grundlage dann tragfähige theoretische Reflektionen zu gesellschaftlich facettenreichen (Re-)Konstruktionen von "Normalität", und im Spezialfall "Frieden", anstellen.

Dr. Birgit Bräuchler
Institut für Ethnologie
Goethe-Universität Frankfurt
Grüneburgplatz 1
D-60323 Frankfurt am Main
birgitbraeuchler'at'gmx.net

 

Termin / Raum

Freitag, 02.10.2009, 15.00 bis 16.45 Uhr / Raum 457 (Hauptgebäude)

 

Vorträge inkl. Abstracts als pdf

Erika Dahlmanns: Inszenierungen nationaler Einheit nach dem Genozid in Ruanda: Überlegungen zur Aneignung gesellschaftlicher Normalität durch Kultur und Kunst

Barbara Meier: Mato oput: Die fragwürdige Karriere eines Rituals

Antje Gunsenheimer: Vor dem Krieg gleich nach dem Krieg? Rückblick auf die Kastenkriege in Mexiko und das heutige Verhältnis des Nationalstaates zu ausgewählten indigenen Gruppen

Henry Kammler: "... aber nicht hier!" Religiöser Konflikt und die Überlagerung zweier Rechtsnormen in einem mexikanischen Dorf