Workshop 23
Kulinarische Ethnologie
Nahrung und Essen sind für alle Gesellschaften von grundlegender Bedeutung und die Küche oder „Cuisine“ ist ein wesentlicher Teil jeder Kultur. Da beim Umgang mit Essen und Trinken die verschiedensten Aspekte einer Gesellschaft bedeutsam sind und wirksam werden, haben wir es hier mit einem klassischen „gesellschaftlichen Totalphänomen“ im Mauss’schen Sinne zu tun. Dennoch haben Ethnologen die von Kultur zu Kultur unterschiedlichen kulinarischen Vorstellungen und Praktiken lange Zeit eher zögernd zur Kenntnis genommen und nur ansatzweise beschrieben. Vielleicht waren, wie Sidney Mintz vermutete, die mit der Herstellung und Zubereitung von Nahrungsmitteln verbundenen Tätigkeiten vielen (männlichen) Ethnologen einfach zu banal; wahrscheinlich war dies aber auch die Folge einer verbreiteten Geringschätzung des Kulinarischen.
Die kulturspezifischen Foodways wurden in der Ethnologie vor allem thematisiert, wenn sie Aufschluss über andere Aspekte der Kultur versprachen: wie etwa Essen die Menschen mit ihren Göttern verband, Loyalitäten zementierte oder sie daran erinnerte, wer sie im Verhältnis zu anderen waren. Demnach interessierte nicht das „kulinarische Feld“ an sich, sondern nur, wozu Essen und Trinken gebraucht werden konnten.
Dies hat sich vor allem durch zwei Arbeiten geändert: Im Anschluss an die Studie von Jack Goody (1982) über den Zusammenhang von kulinarischer und sozialer Differenzierung und jener von Mintz (1985) zum Anteil des Zuckers an der Herausbildung der kapitalistischen Moderne hat sich die Thematik als eigenständiges Forschungsfeld etabliert. Das Interesse an Prozessen der Globalisierung schließlich hat der „Anthropology of Food“ endgültig zum Durchbruch verholfen.
Der Workshop soll insbesondere Fragen der Diffusion und Transformation, aber auch der Aneignung, Identität und Beharrung thematisieren
Kontakt
Prof. Dr. Marin Trenk
Institut für Ethnologie
Campus Westend
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Grüneburgplatz 1
60323 Frankfurt/M
trenk@em.uni-frankfurt.de
Termin / Raum
Mittwoch, 30.09.2009, 15.00 bis 16.45 Uhr und 17.15 bis 19.00 Uhr / Raum 311 (Hauptgebäude)
Vorträge inkl. Abstracts als pdf
15:00 – 15:00
Begrüßung
15: 05 – 15: 30
Marin Trenk (Frankfurt am Main): Pizza Hawaii – Zur kulinarischen Ethnologie
15: 30 – 15: 55
Ute Schüren (Bern/Hannover): Nuestro maíz es nuestra raíz? Mexikanischer Maisanbau und – konsum im Zeitalter von globalen Märkten und Gentechnik
15: 55 – 16: 20
Hilke Thode-Arora (München): Corned Beef in Ozeanien. Das Beispiel Niue und niueanische Diaspora
16: 20 – 16: 45
Anita von Poser (Heidelberg): „Wir essen Sago – Ihr esst Reis“:
Zum wandelnden Verständnis von Nahrung und Identität bei den Bosmun (Papua Neu-Guinea)
16: 45 – 17: 15
Kaffeepause
17: 15 – 17: 40
Bettina Mann (Halle): Essen und Identität zwischen Wandel und Beharrung
17: 40 – 18: 05
Franziska Schürch (Basel/Zürich): Der Cervelat: ein Stück Schweizer Fleischkultur
18: 05 – 18: 30
Chen Yi (Heidelberg): Migration, Ernährung und Gesundheit: Geschmack und Nahrungsklassifikation bei in Deutschland lebenden Chinesen
18: 30 – 19: 00
Patrice Ladwig (Halle): „Mein verstorbener Vater mag Garnelensoße“: Buddhismus, Essen und Erinnerung in laotischen Ahnenritualen
Am Donnerstag, 1. Oktober 2009, findet zwischen 17 Uhr 15 und 18 Uhr die formelle Gründung der AG Kulinarische Ethnologie statt.