Workshop 17
Die Aneignung digitaler elektronischer Technik
Seit den 1950er Jahren verbreitet sich digitale elektronische Technik immer schneller über den Globus. Mittlerweile hat sie auch die ehemals entlegendsten Gebiete erreicht. Zu dieser Technik zählt zunächst der Computer im modernen Sinne in all seinen Ausformungen, vom Heim- und Bürocomputer bis zum Handy und darüber hinaus. Untrennbar verbunden mit dieser Hardware ist Software – digital enkodierte Daten, welche Text, Ton, Bilder und Filme bedeuten können, aber auch Programmanwendungen, von Betriebssystemen bis zu Spielen. Trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer Komplexität, sind diese Artefakte – teils materiell, teils immateriell – von einer substantiellen Deutungsoffenheit umgeben, die überall auf der Welt zu einer Fülle von kulturellen Aneignungen führt.
Aber nicht nur Artefakte können angeeignet werden, sondern auch Umgebungen, ja die Umwelt selbst. Man denke an das Roden von Wald, oder die Terrassierung von Hügeln, um etwa Reisfelder anzulegen, usw. Wenn man heute „Computer“ denkt, denkt man auch „Internet“ – eine globale Infrastruktur auf deren Basis eine immer größer werdende Reihe von Diensten läuft. Technologien, die nicht nur die Konservierung und die Verbreitung von Information durch Zeit und Raum befördern, sondern auch Kommunikation und, besonders wichtig, Interaktion zwischen Individuen und Gruppen. Dies führte und führt zur Entstehung von Online-Gemeinschaften und Online-Zweigen 'regulärer' Gemeinschaften, was z.B. „Diaspora“ neue Qualitäten verleiht. Wenn man Online-Gemeinschaften eigenständige Existenz, zumindest im konzeptuellen Sinn, zubilligt, so kann man sich die Infrastruktur des Internets als die Umwelt vorstellen, innerhalb welcher sich diese Gemeinschaften befinden – und welche sie sich aktiv aneignen.
Neben der Tendenz, dass traditionelle Massenmedien immer mehr mit Online-Technologien eins werden, ist auch eine zunehmende Konvergenz von Internetdiensten untereinander, sowie Fusionen mit anderen allgegenwärtigen Systemen wie etwa GPS festzustellen. Damit nimmt sowohl die Vielseitigkeit, als auch die Benutzbarkeit zu, was weiteren Geschichten der kulturellen Aneignung digitaler elektronischer Technik den Weg ebnet.
Genau solche Geschichten sollen im workshop ethnologisch erzählt werden.
Dr. Alexander Knorr
Wissenschaftlicher Assistent
Institut für Ethnologie und Afrikanistik Oettingenstrasse 67
80538 Muenchen
+49 89 21 80 96 24
http://xirdal.lmu.de/weblog
Alexander.Knorr@vka.fak12.uni-muenchen.de
Termin/ Raum
Mittwoch, 30.09.2009, 15.00 bis 16.45 Uhr und 17.15 bis 19.00 Uhr / Raum 0.251 (Hauptgebäude)
Vorträge inkl. Abstracts als pdf
Alexander Knorr: Die Erfindung des Computers als eine Geschichte der Aneignung
Bernhard Krieger: Gebrauch und Konsum in der Produktion von Open-Source Software
Carsten Ochs: „Operating system is like family head!“ Zur Logik kultureller Aneignungsprozesse im Rahmen globaler IKT-Lokalisierung am Beispiel des PAN Localization Project
Thorsten Storck: Die Ausstrahlung Gottes: Wie Medientechnologie religiös angeeignet wird
Sophie Elixhauser: Zur Verwendung und Aneignung von Funk und Telefon bei den Inuit in Ostgrönland