Workshop 09

Metaphern des Gesellschaftlichen

Ansätze der soziokulturellen Anthropologie sehen im Gegenwartsbezug des Faches nicht die ethnozentrische Konzentration auf die globale Verbreitung der eigenen Produktionsweise sondern die Entschlüsselung der gegenwärtig bekannten Metaphern des Gesellschaftlichen oder „Sozialitäten“ (M. Strathern 1988). Das uns vertraute Bild jener „Gesellschaft“, die natürliche „Individuen“ ordnet und/oder durch sie geordnet wird, ist nur eines von vielen.

Die Ausgangspunkte für analytische Beschreibungen und kulturspezifische Dekodierungen bieten grundsätzlich die jeweils einheimischen Konstrukte von sozialen Beziehungen, die etwa über Techniken zur Alttagsbewältigung, Heilungsverfahren, Gender, Stufen von Alter oder Tod, Bindungen an Land, Raumordnungen, Speisewerte, Affinität und Konsanguinität oder auch Namens- und Zeitkonzepte die jeweilige Welt klassifizieren. Weil anderen Fächern fremd, sollten insbesondere Metaphern der Wildbeuter vom Versorgen, Teilen und Unterlassen und die für Stammessozialitäten bezeichnenden familistischen Entwürfe eines Ganzen (mit Konfrontation und Austausch unter den Komponenten) Beachtung finden. Die bäuerliche Metaphorik - z.B. zu fremdbestimmter und spezialisierter Arbeit, Pflichten gegenüber Machthabern, betrieblichen wie familialen Investitionen und Interdependenzen, sowie Zentren der materiellen wie ideologischen Umverteilung - ist schon nach rein quantitativen Kriterien grundsätzlich, und ihre Militanz, bis hin zu den neuen Zeichen für „Terrorismus“, erreicht andere Dimensionen.

Innovative Metaphern zur Aneignung des Sozialen sind bezeichnend für Anthropos. Im globalen Projekt jener Status vermittelnden „Bildung“ (örtlich etwa als skul versus kastom), bei „Bekehrungen“, oder in der systematischen Gegenüberstellung einheimischer und überseeischer Kategorien sind sie offensichtlich und werden, etwa dem rezenten Trend eines „Kulturalismus“ (Sahlins 2000) folgend, überall im Verbund, selektiv, oder differenziert übertragen, wobei neue Medien alte Werte vermitteln mögen.

Zum Beispiel prallen in Südasien jeweils von Buddhisten, Hindus, Sikhs, Muslimen und Christen entworfene bäuerliche Konzepte einer „guten und gerechten“ Ordnung aufeinander, um sich darüber hinaus mit regionalspezifischen unübersichtlich zu vermengen. In ihrer Verbindung von Status und Macht bedrohen sie ganz massiv die lokal geprägten, Autarkie wie Anarchie vermittelnden Bilder von etwa 100 Millionen Stammesangehörigen, sowie jene von etwa 100 000 in vielen Kleingruppen dem Sammeln und Jagen verbundenen Menschen des Subkontinents, d.h. grundsätzlich andere Gewichtungen der Metaphorik. Vergleichbare Muster intraregionaler oder intralokaler Aneignungen von Sozialitäten finden sich offensichtlich überall auf der Erde. Die Fortschritte der kapitalistischen Globalisierung mögen von solchen Konfrontationen profitieren oder umgekehrt im Sinne von lokal- und regionalspezifischen Verwebungen eingesetzt werden.

Für den Workshop sind ohne Einschränkung alle Beiträge willkommen, die sich einerseits auf der Basis von spezifischer empirischer Forschung der Dekodierung von Metaphern des Gesellschaftlichen verschreiben, um andererseits nach Möglichkeiten der Vergleichbarkeit zu suchen, die nicht durch die bekannten Defizite der „vergleichenden Methode“ entwertet sind.

Koordination: Georg Pfeffer, gpfeffer@gmx.com, Inst. für Ethnologie, FU Berlin.

 

Termin / Raum

Donnerstag, 01.10.09, 15.00 bis 16.45 Uhr / Raum 454 (Hauptgebäude)

Der Workshop wird um 17.15 Uhr im Raum 501 (schräg gegenüber, s. Beschilderung) fortgesetzt.

 

Vorträge inkl. Abstracts als pdf

Peter Berger: niam - Vorstellungen einer sozio-kosmischen Ordnung im Hochland von Orissa

Sabine Deiringer: Vergleichende Erkundung von Kernmetaphern des Gesellschaftlichen in liberalen Demokratien. "Gesellschaft", "Nation" und deren Kategorisierungseffekte im Kontext der Unterscheidungen Amerik/Hawaii(aner) und Europa/Zigeuner

Felix Girke: Die ädamo der Kara als “harmony ideology”

Georg Pfeffer: "Ausbeuter" oder "Unberührbare"? Die Weber der mittelindischen Stammesgebiete

Benedikt Pontzen: Falten – Zum Stoffe des Gesellschaftlichen bei den Ashanti

Uwe Skoda: From dispute to "disturbance". The "Gond Disturbances" in late 19th century in Bonai/Orissa