Diskussionsforum des Pressereferats

„Ethnologen in Krisen- und Kriegsgebieten: Ethische Aspekte eines neuen Berufsfeldes“

 

Organisation: Shahnaz Nadjmabadi und Richard Kuba

Globale Verflechtungen haben es mit sich gebracht, daß die Ethnologie ihren Status als „Orchideenfach“ verliert und zunehmend in gesellschaftlich und politisch brisanten Bereichen gefragt ist. Während Ethnologen schon seit längerem in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv sind, eröffnet sich seit einigen Jahren neue Tätigkeitsfelder, auf deren ethische und praktische Herausforderungen Ethnologen bislang erst unzureichend vorbereitet sind:

Ethnologen werden als Berater bei zunehmend internationalisierten kriegerischen Konflikten angefragt und sind hier mit Aufgaben konfrontiert, die ethisch brisante Folgen nach sich ziehen können. So stellt die Bundeswehr Ethnologen ein, um Soldaten kulturspezifisches Wissen für Auslandseinsätze zu vermitteln und sie für den Umgang mit der jeweiligen Lokalbevölkerung zu sensibilisieren. Zudem sehen sich Ethnologen mit der Aufgabe konfrontiert, ihr fachspezifisches und länderkundliches Wissen Geheimdiensten zur Verfügung zu stellen und damit – direkt oder indirekt – militärischen Operationen zu nützen. Parallel und gegenläufig dazu wächst aber auch das Interesse an ethnologischer Expertise für „zivile Friedensdienste“ und den Aufbau einer globalen Zivilgesellschaft.

Einerseits zeichnet sich hier ein neues Arbeitsfeld für ethnologische Experten ab und die Chance, ethnologisches Wissen „engagiert“ in aktuelle Situationen einzubringen und so die gesellschaftliche und politische Relevanz des Fachs unter Beweis zu stellen. Andererseits wirft gerade diese Möglichkeit die Fragen auf, welchen Zwecken der Einsatz ethnologischen Wissens in gewaltsamen Konflikten letztlich dient, und welche Verantwortung daraus für den einzelnen Ethnologen erwächst. Probleme dieser Art sind während des Vietnam-Krieges sehr kontrovers in den USA verhandelt worden und haben im Kontext des Irak-Krieges zu neuen heftigen Diskussionen geführt. Erstmals sieht sich jetzt auch die deutsche Ethnologie mit dieser Herausforderung konfrontiert. Daraus ergibt sich nicht zuletzt die Frage, wie die akademische Ausbildung Ethnologen darauf vorbereiten kann, kritisch und verantwortlich mit ihrer neuen politischen Relevanz umzugehen.

Die skizzierten Themen- und Problembereiche bewegen sich im Schnittfeld von Ethik und Wissenschaft, praktischer Ethnologie und akademischer Ausbildung und sollen in diesem Spannungsfeld offen diskutiert werden. Eingeladen sind hierzu Ethnologen, die unter anderem in der Praxis bei Stabstellen der Bundeswehr, aber auch im zivilen Friedensdienst tätig sind. Ethnologen aus Lehre und Forschung sollen in diesem Workshop mit den Praktikern in einen Informations- und Meinungsaustausch treten.

Diese Veranstaltung wird auf Initiative des Pressereferats der DGV in Kooperation mit Hans Hahn (Stellvertretender Vorsitzender der DGV) und Annette Hornbacher (Sprecherin der AG Ethik in der DGV) organisiert und durch die VolkswagenStiftung finanziell unterstützt. Sie soll im Rahmen der Tagung der DGV 2009 stattfinden, da auf dieser Tagung auch eine Ethik-Erklärung vorgestellt und verabschiedet werden soll. Diese sogenannte „Frankfurter Erklärung“ versteht sich als Absichtserklärung aller DGV-Mitglieder; ihre Inhalte sollen in der Diskussion des Workshops mit aufgenommen werden.

 

Termin / Ort:

Freitag, 02.10.2009, 15:00 bis 16:45 Uhr und 17:15 bis 18:30 Uhr
Casino Festsaal (Raum 823)