Herbsttagung der ESSA der DGS
Methodologische Herausforderungen sozialanthropologischer und entwicklungssoziologischer Forschung im Globalisierungskontext
Herbsttagung der Sektion Entwicklungssoziologie / Sozialanthropologie (ESSA) der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
Eingeladen wird zur Reflexion darüber, wie mit der Forderung nach einer empirischen Fundierung der Globalisierungs- und Lokalisierungsforschung methodisch umzugehen ist unter der Prämisse, dass sich die klassischen Methoden der sozialanthropologischen Feldforschung und Fragen der Methodologie und Theoriebildung sowie der soziologischen Methoden auf der anderen Seite angenähert haben und eine Intensivierung des interdisziplinären Austausches insbesondere hinsichtlich neuer Ansätze wie „multisited“ bzw. „global ethnography“ (Marcus bzw. Burawoy) angemessen erscheint. These ist, dass sich die jeweiligen Spezifizitäten von Gegenstand und Feld aufgelöst haben und teilweise virtuell werden.
Weiterentwicklungen allgemeiner qualitativer und ethnographischer Ausrichtung (aus dem Norden) sollten auch in den Forschungen über den Süden aufgegriffen werden und umgekehrt, nicht zuletzt da immer stärker nach „interkulturellen“ Methoden gefragt wird. Zu den methodischen Spezifika der Forschung in nicht-westlichen Ländern gehört nach wie vor die Frage nach der Legitimation von ForscherInnen aus dem globalen Norden. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit einheimischen ForscherInnen, wie der Austausch angesichts des anhaltend ungleichen Zugangs zu Ressourcen innerhalb der internationalen Wissenschaftscommunity, aber auch angesichts unterschiedlicher biographischer Erfahrungen und verschiedener Zugänge zum Forschungsfeld? Wie sieht die persönliche Situation der ForscherInnen aus dem Norden in der oft neu zu definierenden „Fremde“ aus, insbesondere angesichts der Herausbildung einer globalen epistemischen Community und multipler Zuordnungen?
Als Herausforderung stellt sich, wie die für die Lokalisierung konstitutiven globalen „flows“ und Verflechtungen empirisch untersucht werden können. Wie können nach einer Zeit der großen Skepsis gegenüber der Angemessenheit des Vergleichs innerhalb der sich sehr heterogen entwickelnden, und jeweils sehr kontextspezifischen Fälle, der langen Tradition der Regionalstudien, neue Formen des Vergleichs und der Theoriebildung gefunden werden? In diesem Zusammenhang soll einerseits die besondere Qualität von Ethnographie und (extended, crucial) Fallstudien, andererseits die Untersuchung auf verschiedenen Ebenen, z.B. mit Hilfe von Interface-Analysen von Wissenssystemen, und sonstigen dichten Methoden (trajectories, Diskursanalysen etc.), sowie insbesondere die Möglichkeiten systematischer Kontextualisierung diskutiert werden.
Es stellt sich nach wie vor die Frage nach dem Verhältnis zwischen Forschern und Erforschten, dem Erwerb lokalen Wissens und kultureller Kompetenz einschließlich Sprachfähigkeit, der besonderen Bedeutung bestimmter Methoden und Herangehensweisen in spezifischen Kontexten (geschlechtsspezifisch, religionsbezogen), der „Befremdung der eigenen Kultur“ (Ammann, Hirschauer) und der Zusammenarbeit mit lokalen ForscherInnen. Um eine notwendige Bescheidenheit und die besondere Beziehung zum Feld nicht zu verlieren, erscheint es uns wichtig, in der Diskussion auf Fragen der Machbarkeit von Untersuchungen im Globalisierungskontext einzugehen, gerade in Auseinandersetzung mit neueren standardisierten, weltumfassenden und homogenisierenden Erhebungen, neuen Diffusionsansätzen, oder auch Interkulturalitätsansätzen, die zu Relativismus und Essentialismus führen können.
Beiträge aus Ethnologie, Entwicklungssoziologie und Nachbarwissenschaften sind gleichermaßen willkommen wie solche, die sich mit dem „Norden“ oder mit dem „Süden“ befassen.
Erdmute Alber, Gudrun Lachenmann, Rüdiger Korff,
Kontakt: gudrun.lachenmann@uni-bielefeld.de, ruediger.korff@uni-passau.de
Termin/ Raum
Mittwoch, 30.09.2009: 15.00 bis 16.45 Uhr und 17.15 bis 19.00 Uhr / Raum 701
Donnerstag, 01.10.2009: 15.00 bis 16.45 Uhr / Raum 701
Donnerstag, 01.10.2009: 17.15 bis 19.00 Uhr - Sektionssitzung / Raum 701
Programm inkl. Abstracts als pdf
Block I (Mittwoch)
Keynote:
Hubert Knoblauch, Berlin: „Alterität und Alienetät – Fremdverstehen, Theorie und Methode“
Einführung:
Gudrun Lachenmann, Bielefeld: „Komplexe Methoden zur Untersuchung von Interfaces von Wissenssystemen“
Judith Schlehe, Freiburg Br.: „Reziproke Tandemforschung“
Block II (Mittwoch)
Dieter Neubert, Alexander Schulze, Bayreuth: „Keine Angst vor Quantifizierung. Methodenmix bei der Untersuchung der Differenzierung von Mustern der Lebensführung im ländlichen Mali“
Anna Spiegel, Bielefeld, „Globale Ethnographie: Translokale Ereignis-Analyse von malaysischen Frauennetzwerken"
Block III (Donnerstag)
Michael Schönhuth, Markus Gamper, Trier: „Vom Venndiagramm zum VennMaker: Eigenschaften, Vor- und Nachteile einer neuen Software zur kommunikativen Erhebung sozialer Netzwerke und strategischer Akteursgruppen“
Tabea Häberlein, Bayreuth: „Keine Angst vor Quantifizierung II: Methodische Herausforderungen bei der vergleichenden Erhebung intergenerationeller Ressourcenflüsse in Westafrika“
Podiumsdiskussion:
Neue Methodenwege zwischen Ethnologie und Soziologie
TeilnehmerInnen: Erdmute Alber, Bayreuth, Mamadou Diawara, Frankfurt M. (angefr.), Rüdiger Korff, Passau, Gudrun Lachenmann, Bielefeld
anschließend Sektionssitzung